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Ursprünglich auf Spanisch veröffentlicht: “Politólogos borrachos”. José Ignacio Torreblanca. El Mundo

15 Dezember 2018

Ärzte lassen ihre Wut nicht an Patienten aus. Journalisten denken sich Nachrichten nicht aus. Polizisten fälschen keine Beweise. Richter nehmen keine Bestechungsgelder an. Jeder Berufsstand hat einen hypokratischen Kern, den er nicht antasten kann. Und die Politologen? Was ist heilig in ihrem beruflichen Selbstbild? Neben der Erwartung, dass sie als Sozialwissenschaftler, die sie nun einmal sind, keine Daten fälschen oder Tatsachen verdrehen, werden sie häufig damit beauftragt, den unbehinderten und fairen Verlauf von Wahlen zu überprüfen. Daher würden sie , wenn sie an einem Wahlbetrug teilnähmen oder diesen für gültig erklärten, das Vertrauen missbrauchen, das ihnen die Gesellschaft entgegenbringt, und den ethischen Kern ihres Berufes verletzen.

Eben das geschah vergangenes Jahr in Katalonien, als einige Politologen beschlossen, an der Organisation eines rechtswidrigen und betrügerischen Referendums über die Unabhängigkeit mitzuwirken. Dass es illegal war, war sattsam bekannt, da sowohl der Rat für rechtliche Garantien, als auch das Verfassungsgericht genau dies öffentlich und wiederholt wissen ließen. Und dass es hinsichtlich seiner Verfahrensweisen und damit auch seiner Ergebnisse  ein betrügerisches Manöver war, wurde aufgrund der Tatsache deutlich, dass die Hälfte des Parlaments, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung Kataloniens vertrat, klargestellt hatte, dass sie das Referendum weder als legal noch legitim betrachtete und sie deshalb nicht daran teilnehmen würde. Die Justiz hat jetzt gegen die Teilnehmer an dieser Farce Anklage wegen Amtsanmaßung und wiederholter Gehorsamsverweigerung erhoben.

Sich seiner beruflich-wissenschaftlichen Qualifikationen  zu bedienen, um eine Wahl zu fälschen, sollte an sich schon den Tadel  seitens der Berufskollegen hervorrufen, auch wenn ein solches Verhalten keine juristische Konsequenzen nach sich zöge. Umso größer die Verblüffung über einen Brief der Vereinigung der amerikanischen Politikwissenschaft (APSA) an [Ministerpräsident] Sanchez, in dem gegen die Strafverfolgung der Politologen protestiert wird, die sich bereit erklärt hatten, den Wahlvorstand des Referendums vom 1. Oktober [2017] zu bilden. Die APSA behauptet  –und darin werden sie von ihren Kollegen aus Quebec und anderen unterstützt –, dass diese Vorgehensweise der Justiz eine berufliche Einschüchterung darstelle, das demokratische Engagement der Regierung untergrabe und die Meinungsfreiheit verletze. Darum fordern sie den Ministerpräsidenten auf, die Anklagen zurückzuziehen. Einige Politologen, von ihrem Unabhängigkeitsdrang berauscht, beschlossen, an einer betrügerischen Wahl mitzuwirken. Nun stellen sie sich vor aller Welt als Opfer einer ungerechten Verfolgung, der autoritären Einstellung einer reaktionären Regierung und einer rachsüchtigen Justiz dar. Am Tag, an dem wir ein Museum zum Unabhängigkeitsprozess einrichten, wird nicht genug Raum für so viele Lügen sein.