Josep Borrell

Bürgerinnen und Bürger Kataloniens, denn das ist, was ihr seid: Bürger dieses Landes. Ich sehe einige Sternenflaggen. Das ist unsere Sternenflagge (er schwenkt die Flagge der Europäischen Union). Sie zeigt die Sterne des Friedens, des Zusammenlebens, des Rechts. Das ist es, wofür Europa heute steht.

Freundinnen, Freunde, Genossen, Mitbürger: Wir sind hier, weil wir uns zusammengetan haben, um das Zusammenleben, den politischen Pluralismus und die Solidarität zu verteidigen. Und es ist nötig, dass wir es tun. Weil das Zusammenleben in diesem Land zerstört ist. Es ist zerstört unter Freunden, unter Familienangehörigen. Es ist zerstört auf der Straße. Wir müssen es wiederherstellen. Wir müssen den politischen Pluralismus verteidigen, weil er nicht mehr anerkannt wird. Wenn wir eine Präsidentin des Parlaments haben, eine Präsidentin des Parlaments, die es zu sagen wagt, dass diejenigen, die bestimmte Parteien wählen, keine Katalanen sind, werden all unsere Werte durch den Schlamm gezogen (…)

Frau Forcadell: Sind Sie nicht auf den Gedanken gekommen, dass Sie als Präsidentin des Parlaments Kataloniens hätten zurücktreten müssen, bevor Sie solche Sachen sagen? Wie ist das nun möglich? (Zu den Zuhörern) Nein, ihr sollt nicht applaudieren, man hat mir gesagt, ich hätte nur 10 Minuten.

Wie ist es möglich, dass eine Parlamentspräsidentin –ich bin selber Präsident des europäischen Parlaments gewesen- wie ist es möglich, dass die Präsidentin einer Institution, die alle Bürger vertritt, es wagt, zu sagen, dass wer andere Parteien auf demokratischer, freier und offener Weise wählt, keine Katalanen sind? Selbstverständlich sind sie es! Und wie ist es möglich, dass wir einen Minister der Generalitat haben, der sagt, diejenigen, die nicht mit dem Unabhängigkeitsreferendum einverstanden sind, wären keine Bürger, sondern Untertanen?

Ihr seid keine Untertanen!

Und wenn ihr heute hier seid, wenn so viele von euch hierher gekommen seid, ist es, um der Welt zu sagen, dass diejenigen, die nicht wie die Nationalisten denken, genauso Bürger Kataloniens sind, wie sie.

(Applaus)

 

Freundinnen und Freunde, ich habe einen Freund, der auf dem Mond lebt, und da er uns von sehr weit oben sieht, wenn er uns mit seinem Teleskop beobachtet, sagt er zu mir: Josep, in Katalonien gibt es nichts anderes als Unabhängigkeitsbefürworter.

(Rufe)

Nein, natürlich nicht, antworte ich ihm, aber klar, er sieht uns von sehr weit, er sieht nur Unabhängigkeitsbefürworter und fragt, wo sind die anderen, die sagen, sie wären es nicht? Also hier seid ihr. Mein Freund auf dem Mond, jetzt siehst du uns!

Aber bis jetzt hat man uns nicht gesehen, man auf uns auch nicht gehört. Ab jetzt müssen wir es schaffen, dass die Stimmen aller Katalanen gleichermaßen gehört werden. Und dafür wird eine demokratische Kontrolle der öffentlich-rechtlichen Medien benötigt (Applaus), die eine demokratische Schande sind.

(Applaus und Rufe)

(Zu den Zuhörern) Gut, es sieht so aus, als wäret ihr mit mir einverstanden, oder? (…) Es ist nötig, dass die Leute sich mit dem äußersten Respekt ausdrücken. Ich will nicht übertreiben, aber wir erleben gerade fast dramatische Zeiten in der Geschichte dieses Landes.  Und man muss keine zornigen Appelle (…) richten. Man muss Vernunft verlangen, man muss Respekt für uns und die anderen verlangen. Man muss sehr vorsichtig mit dem sein, was wir in den nächsten Tagen tun, weil, wenn die Unabhängigkeit einseitig erklärt wird, dieses Land in den Abgrund stürzen wird, Herr Puigdemont, werfen sie es nicht in den Abgrund. Lassen sie es nicht in den Abgrund fallen.

(Rufe)

(Zu den Zuhörern) Nein, nein, nein. Ihr sollt nicht wie die Massen im römischen Zirkus schreien. Ins Gefängnis kommen nur die, über die die Richter so entscheiden.

Ich bitte euch, ich bitte euch darum, dass wir den Respekt zum Äußersten treiben, dass wir die Zuneigung wiederherstellen, dass wir einander lieben. Jedes Mal, wenn ich mit meinen Freunden diskutiere, die für die Unabhängigkeit sind, und wenn ich ihnen erkläre, wie viele Märchen in ihren Rechnungen stecken, jedes Mal, wenn ich ihnen die Lügen erkläre, die sie erzählt haben, um ihre Geringschätzung anderen Menschen gegenüber zu steigern, zum Schluss, wenn sie sehen, dass sie weder Gründe noch Argumente mehr haben, sagen sie zu mir: Die lieben uns ja nicht. Aber doch, wir lieben euch schon. Ich werde euch alle um einen Gefallen bitten, auch die, die von außerhalb Kataloniens hierher gekommen sind. Wenn ihr wieder daheim seid, überall in Spanien: Geht eine Flasche katalanischen Sekt kaufen.

(Applaus)

Geht eine Flasche katalanischen Sekt kaufen, weil der Umsatz mit katalanischem Sekt um 15 % gefallen ist, und das bedeutet, dass es mehr Arbeiter in Katalonien gibt, die arbeitslos geworden sind. Keine Boykotts, keine Beleidigungen. Wir müssen alle zusammenarbeiten, um wieder die Vernunft zu erlangen, die sich verflüchtigt hat.

Und jetzt will ich mich an die Unternehmer Kataloniens wenden. Jetzt will ich mich an all diejenigen wenden, die jetzt in aller Eile die Entscheidung treffen, Katalonien zu verlassen: Hättet ihr es nicht früher sagen können? All die Dinge, die ihr früher privat erzählt habt, warum habt ihr sie nicht in der Öffentlichkeit gesagt? Wenn ich, als ich vor 2 Jahren mein erstes Buch veröffentlicht hatte, sagte, dass bei einer Unabhängigkeitserklärung genau das eintreffen würde, was gerade passiert, nämlich, dass die Firmen abwandern würden, und die Banken als erste. Und Herr Junqueras und Herr Mas, die große Propheten waren, sagten, dass keine einzige abwandern würde.

Niemand, nicht wahr, Herr Mas? Also alle, die jetzt gehen, hätten es früher sagen sollen. Dass, wenn das eintreffen würde, was gerade eintrifft, sie das tun würden, was sie gerade tun.

Wir tragen alle etwas von der Schuld, zu viel geschwiegen zu haben. Jetzt ist die Zeit gekommen, dass alle, die sich diesem Land zugehörig fühlen, an die Besonnenheit, an die Vernunft, ans Miteinanderleben, an die Solidarität, an den politischen Pluralismus appellieren. Das sind die Zeichen der europäischen Sternenflagge und dafür müssen wir arbeiten, liebe Freundinnen und Freunde.

(Applaus)

Das werden wir nicht reparieren, indem wir einseitige Entscheidungen treffen. Das ist kein Problem der öffentlichen Ordnung, oder nicht nur. Das ist kein Problem, das man nur damit löst, indem man sagt, wir können das besser und Europa wird uns mit offenen Armen empfangen.

Herr Junqueras, hören Sie auf, die Katalanen zu belügen. Hören Sie auf, die Dinge so darzustellen, wie sie nicht sind. Sie glauben an Ihre eigenen Lügen, aber wenn Sie in der Tat das tun, was Sie sagen, dass Sie tun werden, sage ich Ihnen, dass wir in Katalonien und Spanien einen sehr hohen Preis dafür zahlen werden. Weil das, wofür Sie sich einsetzen, das Gegenteil des europäischen Gedankens ist. Der europäische Gedanke ist die Achtung des Gesetzes und die Solidarität. Sie brechen das eine und wollen sich an der anderen nicht beteiligen.

Glauben Sie etwa, dass man Sie mit einer solchen Visitenkarte mit offenen Armen empfangen wird? Nein. Man wird Ihnen sagen, Sie sollen irgendwann mal wieder kommen und währenddessen werden wir alle sehr leiden. Weil ich sehe, dass es Menschen gibt, die leiden. Ich sehe es auf der Straße, im Zug, in den Gaststätten. Gute Menschen, die Angst haben, Angst vor dem, was passieren könnte. Sie wissen nicht, was aus ihrer Rente wird. Sie wissen nicht, ob sie dieses Land verlassen werden müssen. Sie bitten uns darum, dass wir etwas unternehmen. Ja, die politisch Verantwortlichen müssen etwas unternehmen, und zwar geschwind, weil wir die Grenze von dem erreicht haben, was in einer Konfrontation unter Bürgern enden kann, und wir müssen unseren Beitrag leisten, damit das nicht der Fall ist.

Ich will jetzt zum Schluss kommen, ich habe noch viel zu sagen, aber wir haben keine Zeit. Ich möchte nur zwei Dinge sagen.

Erstens: Als Präsident Kennedy die Nationalgarde geschickt hatte, um zu beenden … um die Südstaaten dazu zu zwingen, die Rassengesetze zu akzeptieren, sagte er, dass kein Mensch, so mächtig er sein mag, und keine Menschenmenge, so sehr sie schreien mag, über dem Gesetz stehen. Weil (er wechselt ins Spanische) an dem Tag, an dem sie über dem Gesetz stehen, die Richter ihre Arbeit nicht mehr werden erledigen können, niemand mehr Schutz vor der Willkür der Regierung finden wird und niemand mehr sicher sein wird vor dem, was sein Nachbar ihm antun kann.

(Applaus)  

(Auf Katalanisch) Und wir wollen sicher sein vor dem, was unser Nachbar uns antun kann. Hier sind Dinge geschehen, die nicht hätten passieren dürfen. Wir haben Bilder gesehen, die wir nicht mögen. Wir tun einander weh. Es reicht, lass uns zur Vernunft kommen und denken wir, dass in der Welt, in der wir leben, im 21. Jahrhundert, wir das Recht haben, in Ruhe zu leben. Wir haben ein Recht auf Ruhe. Wir müssen dieses wunderbare Land, den Fortschritt dieses demokratischen Spaniens genießen dürfen, auf das wir uns sehr stolz fühlen dürfen.

(Applaus)

Es gibt Probleme, natürlich gibt es Probleme. Welches Land hat keine Probleme?

(Auf Englisch) Aber glaubt mir, glaubt ihr, dass Katalonien wie Litauen, wie Kosovo ist? Nein.

(Auf Französisch) Glaubt ihr, Katalonien sei wie Algerien für Frankreich? Nein, Katalonien ist keine Kolonie.

(Auf Spanisch)Katalonien ist kein militärisch besetzter Staat, wie Litauen durch die sowjetische Armee einer war.

(Auf Englisch) Katalonien ist kein Staat wie Kosovo, wo es Gewalt gab und die Menschenrechte verletzt wurden.

(Auf Katalanisch) Und deshalb muss Katalonien weiter unter Einhaltung des Gesetzes arbeiten, und man darf denjenigen keinen Glauben schenken, die sagen, das Völkerrecht wäre auf ihrer Seite, weil es nicht stimmt. Es ist NICHT auf ihrer Seite! Und selbst Ban Ki Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen ist hierher nach Barcelona gekommen, um das zu sagen. Freunde: Keine weiteren Grenzen. Diese Flagge stellt die Abschaffung der Grenzen dar.

Was sind denn Grenzen? Grenzen sind die Narben, die die Geschichte auf der Haut der Erde hinterlassen hat.

(Auf Spanisch) Grenzen sind die Narben, die die Geschichte auf der Haut der Erde hinterlassen hat. Mit Blut und Feuer eingraviert. Lass uns keine weiteren aufstellen, weil wir schon genug Schmerz ertragen haben, um sie aufzustellen. Danke.

(Applaus)

Video: Rtve.

Bild: © European Union, 2005 – Source: European Parliament