Ursprünglich auf Spanisch veröffentlicht. Antonio Muñoz Molina. El País.

In Europa und Amerika steht man dermaßen auf das Pittoreske unserer Rückständigkeit, dass man sich beleidigt fühlt, wenn wir erklären, wie sehr wir uns verändert haben.

Es geschah mir am letzten Abend des Septembers in Heidelberg, aber es ist mir ziemlich oft in anderen Städten Europas und Amerikas genauso geschehen, sogar hier, innerhalb Spaniens, in Gesprächen mit ausländischen Journalisten. Oft, zu verschiedenen Zeiten, mit einer Monotonie, in der sich nur die Sprache und der unmittelbare Anlass ändern, sah ich mich gezwungen, geduldig zu erklären, mit der größten mir möglichen Deutlichkeit, in pädagogischer Absicht, dass mein Land eine Demokratie ist, zweifellos voller Makel, aber weder vieler mehr, noch schlimmer, als diejenigen anderer vergleichbaren Länder. Ich habe mich bemüht, Daten zu nennen, Gesetze, Veränderungen zu erwähnen, Vergleiche zu ziehen, die hilfreich sein könnten. In New York musste ich Menschen voller demokratischer Ideale und Gefälligkeit meinem Land gegenüber daran erinnern, dass mein Land, im Unterschied zu ihrem, keine Todesstrafe zulässt, noch lebenslange Haft, noch lebenslängliche Einkerkerung Minderjähriger, noch Folter in geheimen Gefängnissen.

Außerhalb Spaniens muss man manchmal Geschichts-, sogar Geographieunterricht erteilen. Bis vor Kurzem musste ein spanischer Staatsbürger erklären, wohl wissend, dass die Wahrscheinlichkeit groß war, dass man überhaupt nicht auf ihn achtete, dass das Baskenland weder dem Kurdistan, noch Palästina, noch dem Urwald Nicaraguas ähnlich sieht, in dem die Sandinisten dem Diktator Somoza Widerstand leisteten. Man erklärte, dass das Baskenland eins der höchstentwickelten, mit dem höchsten Lebensstandards versehenen Territorien Europas ist; und außerdem, dass es über einen Grad an Selbstverwaltung und sogar an Steuerhoheit verfügt, der viel höher ist als der irgendeines anderen Bundeslandes oder irgendeiner anderen Region der Welt. Das höchste, was man bekam, war ein höfliches aber auch ungläubiges Lächeln.

Ein großer Teil der gebildeten Meinung, in Europa und in Amerika, und ein noch größerer der universitären und journalistischen Eliten zieht eine düstere Sicht Spaniens vor, ein träges Haften an den schlimmsten Stereotypen, insbesondere an demjenigen des Erbes der Diktatur, oder an demjenigen der stierkampfartigen Neigung zum Bürgerkrieg und zum Blutvergießen. Der Stereotyp ist so verführerisch, dass er von Menschen unterstützt wird, die davon überzeugt sind, eine große Zuneigung zu unserem Land zu hegen. Sie mögen uns als Stierkämpfer, heldenhafte Milizionäre, Inquisitoren, Opfer. Sie lieben uns so sehr, dass es ihnen nicht gefällt, dass wir die freiwillige Blindheit infrage stellen, auf der sich ihre Liebe stützt. Sie lieben die Idee eines rebellischen Spaniens im Kampf gegen den Faschismus so sehr, dass sie nicht bereit sind, zu akzeptieren, dass der Faschismus seit vielen Jahren vorbei ist.  Sie mögen das Pittoreske unserer Rückständigkeit so sehr, dass sie beleidigt sind, wenn wir ihnen erklären, was sich alles bei uns in den letzten 40 Jahren verändert hat: Dass wir nicht mehr in die Messe gehen, dass Frauen sich aktiv in allen Gesellschaftsbereichen beteiligen, dass die gleichgeschlechtliche Ehe in einem erstaunlichen Tempo und mit einer ebenso erstaunlichen Selbstverständlichkeit akzeptiert wurde; dass wir, ohne ausländerfeindliche Ausbrüche und in sehr wenigen Jahren, mehrere Millionen Einwanderer integriert haben.

An jenem Abend in Heidelberg, am Vorabend des schon berühmten 1. Oktobers, mitten in einem sehr angenehmen Abendessen mit Dozenten und Übersetzern, musste ich meine Erklärung mit einer Vehemenz wiederholen, die mich dazu brachte, meine Mutlosigkeit zu überwinden. Eine deutsche Dozentin sagte mir, dass, nach dem, was jemand aus Katalonien ihr erzählt hätte, Spanien noch „Francoland“ wäre. Ich fragte sie, so höflich ich konnte, wie sie sich denn fühlen würde,  wenn jemand in ihrer Anwesenheit sagen würde, Deutschland wäre noch „Hitlerland“. Sie war schnell beleidigt. So ruhig, so pädagogisch ich konnte, machte ich ihr klar, was ein anderer Staatsbürger eines anderen entwickelten Landes in Europa niemals erklären muss: Dass Spanien eine Demokratie ist, so würdig und so unvollkommen wie beispielsweise Deutschland, und dem Totalitarismus genauso fremd; mehr sogar, wenn man die letzten Wahlergebnisse der extremen Rechten beachtet. Wenn wir laut ihrer katalanischen Informantin noch in Francos Land wären, wie wäre es denn möglich, dass Katalonien über ein eigenes Bildungssystem, ein eigenes Parlament, eine eigene Polizei, eine eigene Rundfunk- und Fernsehanstalt, ein eigenes Institut für die Verbreitung der katalanischen Sprache und Kultur verfügt? Die Anerkennung der Singularität Kataloniens war so vorrangig für die aufstrebende spanische Demokratie, sagte ich ihnen, dass die Generalitat sogar noch vor Verabschiedung der Verfassung wiederhergestellt wurde. Ein seltsam franquistisches Land wäre das unsere, solch ein Unterdrücker der katalanischen Sprache und Kultur, dass es einen Film in katalanischer Sprache auswählt, um Spanien bei den Oscars zu repräsentieren.

Wer außerhalb unseres Landes gelebt hat, bzw. noch lebt, kennt, wie prekär unsere internationale Präsenz ist, die haushaltsbedingte Atemnot und den politischen Klüngel, die so oft die Relevanz des Instituto Cervantes vereitelt haben, die Abwesenheit einer ambitionierten, langfristigen Außenpolitik, eines Staatsvertrages, der nicht von einer Regierung zur nächsten katastrophal verändert wird. Die spanische Demokratie ist nicht dazu fähig gewesen, jahrhundertealte Stereotypen zu entkräften. Die baskischen Terroristen und ihre Propagandisten wussten sie sehr gut zu nutzen über Jahre, genau die Jahre, in denen wir am verwundbarsten waren, als die blutrünstigsten Killer in Frankreich immer noch den Status politisch Verfolgter bekamen.

Daher hat es den katalanischen Separatisten keine große Mühe, keinen großen, ausgeklügelten Medieneinsatz gekostet, das, was alle jetzt übereinstimmig die „Erzählung“ nennen, zu ihren Gunsten zu wenden. Sie hätten es sogar ohne die willige Mitarbeit des Innenministeriums geschafft, das Mitglieder der Polizei und der Guardia Civil als Statisten zum bitteren Schauspiel unserer Diskreditierung entsandte. Wenige Dinge können einen Auslandskorrespondenten in Spanien glücklicher machen, als die Chance, unseren Exotismus und unsere Barbarei mit fast jedem Vorwand bestätigen zu dürfen. Sogar der renommierte Jon Lee Anderson, der unter uns lebt bzw. gelebt hat, lügt bewusst, ohne den geringsten Skrupel, wider besseres Wissen, mit voller Absicht, wohl wissend, welchen Effekt seine Lüge haben wird, wenn er im New Yorker schreibt, dass die Guardia Civil eine „paramilitärische“ Kraft sei.

Als spanischer Staatsbürger, mit all meiner europafreundlichen Begeisterung und als Reisender, fühle ich mich heillos zur Melancholie verdammt, und das aus sehr verschiedenen Gründen. Einer davon ist die Diskreditierung, unter der das demokratische System in meinem Land leidet, verschuldet durch Inkompetenz, Korruption und politische Illoyalität. Ein anderer ist es, dass die europäische und kosmopolitische Welt, in der Menschen wie wir uns reflektieren und um der ähnlich zu werden wir so viel getan haben, es bevorzugt, auf uns herabzuschauen: Egal wie vorsichtig wir versuchen, uns zu erklären, egal wie sehr wir uns anstrengen, um Fremdsprachen zu lernen, damit unsere nutzlosen Erklärungen verstanden werden können.